Bebelaar / Joos / Kroll

„Der Meister sind sich einig“ So titelte die Rheinpfalz nach einem Konzert dieser Besetzung, die sich konsequent in den Gewässern des europäischen Jazz bewegt und in großen Bögen improvisiert und sich den Kompositionen von Patrick Bebelaar widmet.
Künstlerisch kultivierte Anarchie könnte man das Konzept der drei Musiker nennen, die seit über nahezu 20 Jahren Jahr in dieser Besetzung zusammen spielen. Ihre Musik vereint sie zu einem Kollektiv, bei dem mal der eine, mal der andere die Führung übernimmt, um sie dann wieder an den nächsten weiterzugeben. Hemmungslos musizieren sie mit und gegen das Kollektiv. Mit viel Humor und Spiel- und Experimentierfreude entwickelte sich ein faszinierendes Konzerterlebnis, das changierte zwischen expressiven Improvisationen, Free-Jazz-Einsprengseln und weit ausgreifenden melodischen Passagen und fesseln immer den Schalk im Nacken Ihr Publikum.
Dabei dienen die Kompositionen Bebelaars mal als feste Vorgabe, mal als Improvisationsanwei-sung, mit offenem Ausgang.

Herbert Joos hat nicht nur den Jazzpreis des SWF bekommen, er hat sich auch als jahrelanger Solist des „Vienna Art Orchesters“ und des „Orchestre National de Jazz“ weltweit einen Namen gemacht. Er nahm zahlreiche CDs unter eigenem Namen auf, unter anderem auch für das renommierte Jazz-Label ECM, für das er zusammen mit den Stuttgarter Symphoniekern aufnahm. Die Liste der Musiker an deren Seite er zu hören war, ist unendlich lang. 2017 wurde Herbert Joos mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk durch das Land Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Frank Krolls eigener, von verschiedenen Kulturen beeinflusster Instrumentalstil macht ihn zu einem außergewöhnlichen Musiker. Als solcher spielt er auch in den Projekten  der indischen Musiker Pandit Vikash und Prakash Maharaj, dem Schweizer Schlagzeuger Pierre Favre oder mit der französischen Tubalegende Michel Godard. 2003 wurde Kroll mit dem Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Seine Einspielungen sind auf den verschiedensten Jazzlabels zu finden, u.a. auch beim Münchner Label ECM.

Patrick Bebelaar zählt zu Deutschlands renommiertesten Pianisten. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Er komponierte im Auftrag der Internationalen Bachakademie (2002 / 2005 / 2008), des Deutschen Literaturarchivs, der Stadt Esslingen u.v.a. Seine CDs wurden international ausgezeichnet (u.a. Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Kritikerpreis „Album of the Year“ New-York-City-Jazzrecord). Er arbeitet seit vielen Jahren mit internationalen Kollegen wie Michel Godard, Joe Fonda, Gavino Murgia, Günter „Baby“ Sommer, Carol Rizzo, Pandit Vikash Maharaj u.v.a. Spartenübergreifend trat er mit Schriftstellern wie Peter O. Chotjewitz, Peter Härtling, Adonis, Oskar Pastior, Vincent Klink und Wiglaf Droste auf.


Presse:

http://bebelaar.de/wordpress/2017/03/27/zufall-und-humor-im-kreativen-duett-bebelaar-joos-kroll/

http://bebelaar.de/wordpress/2017/03/13/schoenes-feedback-aus-loerrach/

Ikarus lernt, nicht abzustürzen
Aufruhr, Brüche und melancholische Schönheit / Ein kautziges Konzert zu Ehren des Trompeters Herbert Joos im Jazzclub 88

Wer der Sonne zu nah kommt, verglüht und stürzt ab, wer der Schönheit verfällt, der versinkt im Kitsch. Wie man nun aber den Glutkern unserer Emotionen umspielt, ohne dabei zu verbrennen, das führte das an diesem Abend famos aufgekratzte Quartett mit Herbert Joos vor. Eine intensive Lehrstunde des Mutes zu Freiheit und Risiko: voll kauziger Clownerien. Jazz!

Vier Virtuosen aus zwei Generationen, denen besonders der Umgang mit den unkonventionellen Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente gemeinsam ist. Die sind allesamt befreit von einer klassischen Verengung auf reine Töne und spezifisch- definierte Funktionen im Orchester.
Der Trompeter Herbert Joos etwa besticht mit seinen Überblastechniken, die den Widerstand zwischen Atem und Material des Instrumentes eben nicht zum Verschwinden bringen, sondern als Klang eigenen Rechts zur Mitsprache am Sound einladen. Günter „Baby“ Sommer wiederum hat das Arsenal des Schlagzeugs um alle möglichen perkussiven Gerätschaften erweitert, und auch er reibt sich – im doppelten Wortsinn – am Konflikt des individuellen Materialklangs mit seiner bloßen Rhythmusfunktion.

Beide sind Kombattanten des Aufbruchs der 60er Jahre, als sich die Pop-Musik (also auch der Jazz) von ihrer Wohlgefälligkeit befreite und bisher unerhörtes Terrain eroberte. Dieser Widerstand ist bei beiden – allerdings weniger tabubesetzt als bei den radikalen Free-Jazzern – immer noch ein treibender Grundimpuls ihrer Musik.

Ähnlich und anders der Pianist Patrick Bebelaar und der Saxofonist Frank Kroll. Diese in die Postmoderne geborenen Musiker sind versöhnlicher gestimmt auf Rückbesinnungen und Erweiterungen. Im Gegensatz zu ihren Mitspielern, den berserkerhaften Revolutionären, könnte man sie als hochreflektierte Romantiker, melancholische Dandys der globalen Verfügbarkeiten betrachten. Beides zusammen reflektiert die Bewusstseins- und gemischte Gefühlslage eines heutigen, avancierten und aufgeklärten Publikums.

Atemberaubend, wenn sich Bebelaar in einem elaborierten Solo von einem aufmunternden Perlen in unglaublich gegenläufige Rhythmusfiguren steigert – fast zu souverän, ertappt man sich zu denken -, um sich aber dann in einem abgründig seriellen Gehämmer zu verlieren, das an die Piano- Player-Kompositionen eines Colon Nancarrow erinnert und artistische Subjektivität an künstliche Mechanik abzugeben scheint!

Überirdisch, wenn Frank Kroll in seinem Stück „Peacock“ auf dem Sopransaxofon orientalische Skalen mit westlicher Sehnsucht vermählt und Bebelaar dazu die Saiten seines Flügels wie eine zarte Oud zupft.

Und dann, immer wenn’s zu schön wird, geht Herbert Joos dazwischen, grunzt, schneidet und stichelt in die aufkommende Hör-Gemütlichkeit. Und gerade das macht klar, um was es da geht. Wir sehen und hören Artisten, die alles riskieren. Es sind die Clownerien, mit denen sie die Götter besänftigen wollen, den Absturz in die Überheblichkeit vermeiden. Sowohl Joos wie „Baby“ Sommer sind jederzeit bereit, die sakrale Anmutung eines Konzerts durch Humor, Albernheiten und schräge Ausbrüche zu unterlaufen oder bloßzustellen. Nur so schützt sich Ikarus vorm Abstürzen.

Und was für eine stilistische Offenheit. Bebelaars „Never thought it could happen“ entwickelt sich zu einem heavy Blues, aus dem Joos in eine spillrige Be-Bop-Nervosität als Hommage an Dizzy Gillespie ausbricht, die von Sommer dann mit dem Schlagen des Totenglöckchens – Punkt neun Uhr abends – zu Grabe gelegt wird.

Fast schon ein Jazz-Pop-Stück das schöne „Natuschkas Song“. Dagegen das Anklopfen an der Unterwelt in Günter „Baby“ Sommers großem Percussion-Solo. Zwischen archaischer Totenbeschwörung und groteskem Gespenster-Gepolter scheint hier sowohl die ganze Gattungsgeschichte wie die besondere Kriegserfahrung von Sommers Generation bearbeitet. Furcht und Zwang, die in den Knochen und Drumsticks stecken. Gerade auch mit diesem Solo wurde deutlich, wie viel wir dem Jazz als befreiendem Medium unserer Erfahrungen zu verdanken haben.

Darauf Anarchismus und Spott pur in der Zugabe. Ein ziemlich abgefahrenes Gebräu aus Rag und Tango. Eine grandiose Zirkusnummer. „Send in the Clowns“!

(Thomas Milz, Rems-Murr Rundschau, 19.06.2017)